Daniela Mercury – Der Kampf um Demokratie in Brasilien Audio
Wenn Daniela Mercury die Bühne betritt, wird der Raum zum Speketakel. Sie bewegt sich mit einer Energie, die keine Pause zulässt – Hüften, Arme, Stimme fließen ineinander. Daniela Mercury ist die Königin der Axé-Musik, eine brasilianische Pop-Richtung, die in den 1980er Jahren in Salvador da Bahia entstanden ist. Sie verbindet afro-brasilianische Rhythmen wie Samba-Reggae und die Trommeln des Candomblé mit eingängigen Pop- und Rock-Strukturen. Mit sechzig Jahren kehrt die Sängerin und Tänzerin aus Salvador da Bahia nun im Juli mit ihrem Album Cirandaia nach Deutschland zurück und bringt eine klare Haltung mit: Freude, tanzen und singen ist keine Flucht, sondern eine Form des Widerstands. Am 18. Juli in sie in Hamburg, am 19. Juli in Berlin, am 21. Juli 2026 in München. Camilla Hildebrandt hat mit ihr gesprochen.
Folgendes Feature für Radio München ist zudem am 15.07.2026 erschienen
Zeit der Diktatur - Angst vor der Gesetzlosigkeit
Daniela Mercury wurde 1965 in Salvador da Bahía, im Nordwesten Brasiliens, geboren. Ihre Kindheit und Jugend fielen in die Zeit der brasilianischen Militärdiktatur. „Ich bin von einer Generation, die ihre gesamte Kindheit und Jugend unter der Diktatur verbracht hat“, erinnert sie sich. „Die demokratische Öffnung begann erst, als ich schon in die Universität ging, 1984.“ In ihrem Elternhaus herrschte ein progressives, diktaturkritisches Klima – die Mutter war Universitätsdozentin, der Vater portugiesischer, die Mutter italienischer Herkunft. „Es war eine sehr angespannte Atmosphäre. Ich hatte Angst vor der Polizei, Angst, mich auszudrücken, Angst vor der Gesetzlosigkeit.“ Die Großmutter warf aus Furcht Bücher der Mutter weg. Menschen verschwanden, es herrschte ein Klima ohne gültige Verfassung und ohne Respekt vor der Bürgerschaft.
Tanz als Ausdrucksmittel
Schon früh wurde ihr Körper zum zentralen Ausdrucksmittel. Mit acht Jahren begann Daniela mit Tanzunterricht – klassisches Ballett, Jazz und afro-brasilianische Stile. Mit dreizehn entdeckte sie das Singen, inspiriert von der großen Elis Regina. „Als ich Elis Regina sah, wollte ich ihr näherkommen – indem ich selbst sang.“ Mit fünfzehn begann sie trotz des Unbehagens der Eltern in Bars aufzutreten. „Ab da musste ich einfach singen.“ Später wurde sie Background-Sängerin bei Gilberto Gil, dem späteren Kulturminister, bevor sie 1991 mit sechsundzwanzig Jahren ihre Solokarriere startete – mit rauer, voller Mezzosopranstimme und einer Bühnenpräsenz, die unverwechselbar ist.
„Bohnen mit Reis“
Bereits ihr viertes Album „Feijão com Arroz“ (1996) war ein künstlerisches und politisches Manifest. Der Titel verweist auf das brasilianische Alltagsgericht „Bohnen mit Reis“ als Metapher für die kulturelle Mischung des Landes. Die ikonische Cover-Fotografie von Mário Cravo Neto zeigt Mercury eng umschlungen von einem schwarzen Model – ein bewusstes Statement als weiße Sängerin im Universum der afro-brasilianischen „blocos afro“. Diese großen, organisierten Karnevalsgruppen in Salvador feiern afro-brasilianische Identität, Rhythmus und politisches Bewusstsein. Statt kommerzielle Hits zu erschaffen, schuf Mercury ein anspruchsvolles, konzeptionelles Werk, das Axé-Musik von der Party-Musik zu einer künstlerisch dichten und ernsthaften Form weiterentwickelte. Es gilt bis heute als eines der einflussreichsten und ambitioniertesten Alben der gesamten Axé-Geschichte.
Candomblé: Eine afrobrasilianische Religion zwischen Widerstand und Synkretismus
Ihre tiefe Verbundenheit mit der afro-brasilianischen Kultur prägt Daniela Mercurys gesamtes Schaffen. Der Candomblé – die Religion vieler Afro-Brasilianer – entstand während der brasilianischen Sklaverei. Verschleppte Afrikaner, vor allem aus dem Yoruba-Kulturraum Westafrikas, bewahrten ihren Glauben an die Orixás, ihre schwarzen Götter, unter dem Deckmantel des Christentums. Auf den Plantagen huldigten sie ihnen weiterhin mit Trommelrhythmen, Gesängen, Tänzen und Ritualen.
Für Daniela Mercury ist der Candomblé aber weit mehr als eine Religion: Er ist gelebter Widerstand und spirituelle Selbstbehauptung. Die heiligen Kultstätten, die Terreiros, geraten jedoch bis heute immer wieder ins Visier von Angriffen.
Laut IBGE (Censo 2022) machen Menschen afro-brasilianischer Herkunft rund 55,5 Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus. Dennoch sind sie in Einkommen, Bildung und politischer Repräsentation nach wie vor strukturell benachteiligt – ein Erbe der Sklaverei, das Mercury seit Beginn ihrer Karriere thematisiert.
Ihre eigene Verbundenheit mit den Orixás hat sie unter anderem in dem Lied „As Rendas do Mar“ (2021) eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Darin ehrt sie Iemanjá, die Göttin der Meere, der Mutterschaft und der Fruchtbarkeit. Ihr zu Ehren kleiden sich die Menschen an Silvester traditionell in Weiß und lassen kleine Boote mit Kerzen, Blumen und Opfergaben auf dem Wasser treiben – ein beeindruckendes Ritual, das besonders in Rio de Janeiro und Salvador Zehntausende an den Strand lockt. Im Text des Lieds heißt es: „Iemanjá ist Tänzerin, Iemanjá ist Mutter der Orixás, Herrin der Ahnen, der Perlen, Göttin der Ozeane, Königin der Menschen und des Candomblé.“ Daniela Mercury selbst sagt dazu: „Ich bin als Katholikin zum Candomblé übergetreten. Ich bezeichne mich als Katholikin des Candomblé, denn meine Seele hat keine Schublade, sondern Flügel.
Homophob und frauenfeindlich
Diese Haltung wurde während der Regierungszeit von Jair Bolsonaro (2019–2022) zur existenziellen Notwendigkeit. Mercury spricht von einem „gewaltigen Rückschritt“ für Brasilien. „Wir hatten einen Präsidenten, der rassistische, homophobe und sexistische Äußerungen getätigt hat“, sagt Daniela. Er habe die Kultur der Schwarzen, ihre Religion, die Kultur und Künstler im Allgemeinen systematisch abgewertet. Bereits 2011 erklärte Bolsonaro in einem Interview mit der brasilianischen Zeitschrift Playboy auf die Frage, was er tun würde, wenn er einen schwulen Sohn hätte: „Ich wäre unfähig, einen homosexuellen Sohn zu lieben. Ich will hier nicht den Heuchler spielen: Ich würde lieber haben, dass ein Sohn von mir bei einem Unfall stirbt, als dass er mit einem Schnurrbärtigen auftaucht. Für mich wäre er dann sowieso gestorben.“
„Der Karneval ist verboten“
Unter Bolsonaros Regierung wurde das Kulturministerium aufgelöst, Förderungen gekürzt und Künstler als „Vagabunden“ diffamiert. Als der damalige Präsident den Karneval – in Brasilien ein nationales Kulturgut – als „verkommen“ und „familienfeindlich“ attackierte, reagierte Daniela Mercury zusammen mit Superstar Caetano Veloso – der zur Zeit der Militärdiktatur mit kritischen Texten sein Leben riskierte – mit dem ironischen Song „É Proibido o Carnaval“ (2019). Der Refrain „Der Karneval ist verboten – in diesem tropischen Land“ wurde zur Hymne gegen Zensur. Bolsonaro griff die beiden Künstler daraufhin direkt auf X, ehemals Twitter an und kündigte an, dass „solche Künstler“ künftig nicht mehr vom Lei Rouanet (dem brasilianischen Kulturfördergesetz) profitieren dürften. Mercury antwortete öffentlich und bot an, ihm persönlich die Funktionsweise des Gesetzes zu erklären: In 20 Jahren habe sie nur etwa eine Million Reais (ca. 50.000 Reais pro Jahr) aus dem Fonds erhalten – legal und transparent. Den Großteil ihrer Karnevalsparaden (Trio Elétrico) finanzierte sie selbst oder Dank privater Sponsoren.
„Frauen werden nicht zurück an den Herd gehen“
Auch für Frauen und LGBTQ-Personen hat Daniela Mercury schon immer klare Zeichen gesetzt. 2013 heiratete sie öffentlich ihre Frau Malu Verçosa – ein starkes Symbol in einem Land, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe zwar seit 2013 gesetzlich anerkannt ist, die gesellschaftliche Akzeptanz jedoch bis heute stark variiert. Unter der Regierung Bolsonaros erlebte Brasilien zudem einen massiven Rückschritt in der Gleichberechtigung der Frauen. Der damalige Präsident und sein Umfeld propagierten traditionelle Rollenbilder, in denen Frauen sich dem Mann unterordnen sollten. Die Auswirkungen seien bis heute zu spüren, so Daniela Mercury. Zu dieser Entwicklung hat sie jedoch deutliche Worte: „Die LGBTs werden nicht zurück in den Schrank gehen, die Frauen werden nicht zurück an den Herd gehen und die Schwarzen werden ihren Raum mit Respekt, Würde und gleichen Chancen einfordern.“ Fortschriftte beobachtet sie im Bereich der racial literacy – einer bewussteren Auseinandersetzung mit Rassismus und Intersektionalität, besonders hinsichtlich der prekären Situation schwarzer Frauen und queerer Personen. Ihr stärkstes musikalisches Statement dazu ist das Lied „Deus é Mulher“ (Titeltrack des gleichnamigen Albums von 2018). Darin feiert sie weibliche und queere Spiritualität mit den Zeilen: „Deus é mulher, é negra, é lésbica, é mãe / Deus é a força que move o mundo…“ („Gott ist eine Frau, ist schwarz, ist lesbisch, ist Mutter / Gott ist die Kraft, die die Welt bewegt…“).
Mit einer Ciranda im Publikum tanzen
Mit ihrem aktuellen Album Cirandaia (2025), mit dem Daniela Mercury nach 20 Jahren wieder in Deutschland auf Tour ist, knüpft sie an diese Linie an. Der Titel verweist auf einen traditionellen brasilianischen Kreistanz, bei dem sich alle an den Händen halten. „Ich bringe euch alle dazu, mit einer Ciranda im Publikum zu tanzen!“, sagt sie. Ein Song wie Meu Corpo Treme („Mein Körper zittert“) zeigt ihre Handschrift besonders deutlich: eine neue, in Bahia als „Samba Groove“ bezeichnete Stilrichtung – ein schleppender, langsamer Groove, der Reggae und Rap mischt und zu einem gesprochenen Tanzsong wird. Der Text feiert die Leidenschaft als „Hauch des Lebens“, als Traum, „Fieber des Mutes“, als Gottheit, die in Flüsse und Ozeane mündet und „funkelt wie Vulkanlava“. Der Körper wird zum zentralen Ort des Widerstands und der Freude.
Tanz für die Freiheit
Am Ende bleibt ihre Botschaft zur Demokratie: „Wir müssen jeden Tag weiter an unserer Demokratie arbeiten. Wir haben unsere Demokratie vor 40 Jahren zurückgewonnen und sind noch dabei, sie zu vervollkommnen. Es gibt viel zu tun in puncto Inklusion – weltweit in allen Demokratien, auch in der brasilianischen. Entscheidend ist, dass wir die Mobilisierung der Zivilgesellschaft nicht verlieren.“ Daniela Mercurys Ciranda ist mehr als Tanz: Sie ist ein Versprechen auf Freiheit, das sich täglich erneuern muss.
Tourdaten
Die „Queen of Axé“ Daniela Mercury kommt im Juli 2026 für drei Konzerte nach Deutschland:
- Samstag, 18. Juli 2026
Hamburg / in der Fabrik - Sonntag, 19. Juli 2026
Berlin / im Festsaal Kreuzberg - Dienstag, 21. Juli 2026
München / in der Muffathalle






