Goldstandard? Deutschland als Ingenieursnation versagt bei der Aufarbeitung
Marcel Barz, Datenanalyst und ehemaliger Bundeswehr-Offizier, fordert von den Aufarbeitungskommissionen genau das, was in MINT-Fächern selbstverständlich ist: Primärquellen statt Meinungen, Betonzahlen statt Gummizahlen und echte Transparenz statt politischem Blendwerk. Zumal diese Primärquellen von Bürgern erkämpft wurden und nun verfügbar sind. Ein deutlicher Appell an das Selbstverständnis Deutschlands. Das Interview führte Camilla Hildebrandt.

Wissenschaft oder politische Ansage?
Deutschland sah sich bisher selbst – neben dem Land der Dichter und Denker – vor allem als Ingenieursnation: deutsche Gründlichkeit, Präzision und faktenbasierte Rationalität. Wie sehen Sie das, Herr Barz?
Marcel Barz:
„Ja, genauso bin ich aufgewachsen. Meine Prägung stammt aus der Universität der Bundeswehr München. Dort waren wir vor allem Studenten der klassischen MINT-Studiengänge: Elektrotechnik, Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt. Unser Denken war geprägt von Logik, Messbarkeit und einem klaren Anspruch an Fakten. Und genau dieses Selbstverständnis ist es, an dem wir uns meines Erachtens auch heute messen lassen müssten, wenn es um die Corona-Zeit geht. Und ja – wir haben damals auch ein wenig auf andere Disziplinen herabgeschaut. Geistes- und Sozialwissenschaften, das galt aus unserer Sicht oft als „zu wenig messbar und zu viel Interpretation“.
In der Corona-Zeit wurden offiziell ‚Fakten und Daten‘ sowie der Appell ‚Vertrauen Sie der Wissenschaft!‘ zur Grundlage weitreichender Entscheidungen gemacht. Aber die später veröffentlichten Protokolle des Robert-Koch-Instituts erzählen eine ganz andere Geschichte. Wie war das aus Sicht eines Datenanalysten?
Marcel Barz:
„Als jemand mit einer ingenieurwissenschaftlich geprägten Ausbildung habe ich „Fakten und Daten“ immer als höchste Entscheidungsgrundlage verstanden. Genau so bin ich auch in die Corona-Zeit gegangen. Für mich war die Lage anfangs eindeutig: exponentielles Wachstum, drohende Überlastung des Gesundheitssystems, viele Kranke und jede Woche Übersterblichkeit. Das wurde so in den Medien dargestellt, und es deckte sich vollständig mit den Veröffentlichungen der Fachbehörden wie dem Robert Koch-Institut oder dem Statistischen Bundesamt. Für mich gab es deshalb keinen Zweifel: Das ist alles wissenschaftlich fundiert. Der Bruch kam erst, als ich begann, die zugrundeliegenden Rohdaten zu analysieren. Und genau da zeigte sich etwas, das aus Sicht eines Datenanalysten hochproblematisch ist. Zwischen den veröffentlichten „Fakten“ und den tatsächlichen Daten bestanden teils erhebliche Widersprüche. Ein normaler Bürger sieht diese Ebene ja nicht. Wer vergleicht schon eine Pressemitteilung mit den zugrundeliegenden Datensätzen? Wer hat überhaupt Zugriff auf interne Abwägungsprozesse? Erst durch die später bekannt gewordenen internen Protokolle des RKI wurde sichtbar, dass innerhalb der Behörde erhebliche Zweifel und fachliche Konflikte bestanden, die aber nicht nach außen kommuniziert wurden. Das RKI hat sich von der Politik benutzen lassen. Es wurde mit dem Anspruch maximaler wissenschaftlicher Eindeutigkeit kommuniziert, obwohl die Datenlage intern deutlich differenzierter war und die Weisungen des Ministers meist Vorrang vor der Wissenschaft hatten. Für jemanden, der gelernt hat, sich auf Behörden-Daten zu verlassen, war das ein fundamentaler Vertrauensbruch – der sich bis heute nur verstärkt hat.“
Harte Fakten?
Auf Bundes- und Landesebene laufen gerade Aufarbeitungskommissionen, die die Corona-Politik beleuchten: Was war richtig, wo wurden Fehler gemacht. Schulschließungen hatten zum Beispiel eklatante psychische Folgen als Konsequenz. Karl Lauterbach erklärte, die Kinder hätten ‚die meisten Opfer‘[1] in der Pandemie erbracht. Wie arbeiten die Kommissionen Ihrer Meinung nach?
Marcel Barz:
„Bis dato hatten wir bereits über 100 Sitzungen Corona-Aufarbeitung in Deutschland in Untersuchungsausschüssen und Enquete-Kommissionen, und ich hätte erwartet, dass sich die Aufarbeitung konsequent an den harten Fakten oder verfügbaren Dokumenten orientiert. Aber das ist nicht so, musste ich feststellen. Wenn ich früher Studenten betreut habe, war die Regel immer klar – arbeite entlang der Primärquellen. Alles andere führt weg vom eigentlichen Untersuchungsgegenstand. Denn sobald man sich auf Sekundärquellen stützt, bewegt man sich schnell in einem Raum von „Meinungen über Meinungen“. Das ist keine belastbare wissenschaftliche Methode. Maßgeblich sind nicht persönliche Vorlieben, gutes Marketing oder Mehrheitsmeinungen, sondern ausschließlich die Primärquellen. Die zentrale Frage in der Corona-Aufarbeitung muss deshalb lauten: Welche Originaldokumente und belastbaren Daten lagen den damaligen Entscheidungen tatsächlich zugrunde? Also konkret: Was stand in den Lageberichten? Was wurde in Krisenstäben diskutiert? Wie wurden die Entscheidungen getroffen? Erst wenn man diese Primärquellen sauber rekonstruiert, kann man überhaupt bewerten, ob eine Maßnahme sinnvoll, notwendig oder möglicherweise überzogen war. Ich habe das selbst so vorgetragen, als ich Ende März 2026 als Sachverständiger in der Enquete-Kommission in Brandenburg geladen war. Dort ging es um den ersten Lockdown. Für mich war völlig klar: Ich kann das nur anhand der Primärdokumente nachvollziehen – also der tatsächlichen Entscheidungsgrundlagen und der realen klinischen Daten auf Landesebene in Brandenburg. Wenn Aufarbeitung diesen Weg geht, dann wird sie belastbar. Denn genau hier entscheidet sich, ob Aufarbeitung wissenschaftlich stattfindet – oder politisch.“
Die Enquete-Kommission auf Bundesebene ist meines Erachtens faktisch nicht arbeitsfähig, weil sie durch politische Blockaden gelähmt wird. […] Es wird bewertet, bevor überhaupt sauber rekonstruiert wurde. So entsteht keine Aufarbeitung.
Marcel Barz, Datenanalyst, April 2026
Gummizahlen oder Betonzahlen?
Sie dokumentieren Ihre Arbeit in den Kommissionen auf Ihrem YouTube-Kanal[2] und sprechen dort von „Gummizahlen“ und „Betonzahlen“. Können Sie das erklären?
Marcel Barz:
„Die Begriffe „Gummizahlen“ und „Betonzahlen“ beschreiben einen ganz zentralen Unterschied in der Qualität von Daten. Gummizahlen sind Zahlen, die stark von Annahmen, Definitionen oder Messmethoden abhängen – also „dehnbar“ sind. Dazu gehören zum Beispiel Inzidenzen (abhängig von Teststrategie und Testmenge), positive Testergebnisse (ohne klinischen Bezug) oder Modellprognosen und Reproduktionswerte. Diese Zahlen können sich verändern, ohne dass sich die reale Lage vor Ort tatsächlich verändert. Wenn ich mehr teste, steigen die Fallzahlen – auch ohne mehr Kranke. Wenn ich die Definition ändere, verändert sich die Zahl.“
Zur Erinnerung: Fallzahlen sind die absolute Anzahl der täglich oder insgesamt gemeldeten positiven Corona-Fälle (Neuinfektionen), wie viele Menschen werden neu als infiziert erfasst.
Marcel Barz:
„Genau. Und Betonzahlen dagegen sind robuste, reale Outcome-Daten. Zum Beispiel die tatsächliche Krankenhausbelegung, die Intensivbetten-Auslastung, die Anzahl der schweren Verläufe oder die Sterbefallzahlen. Diese Zahlen sind nicht beliebig formbar. Sie bilden die reale Belastung des Systems ab. Aus einer ingenieurwissenschaftlichen Perspektive wäre der saubere Weg gewesen: Gummizahlen können ein Frühwarnsystem sein – aber entscheidend für Eingriffe in Grundrechte müssen Betonzahlen sein. Und genau diese Trennung ist in der Praxis häufig verschwommen. Das muss nun mit genügend Abstand in der Aufarbeitung konkret benannt und untersucht werden.“
Versagen des Informationsfreiheitsgesetzes
Sie fordern bei der Aufarbeitung den Goldstandard einzuhalten, was heißt das und warum?
Marcel Barz:
„Mit „Goldstandard“ meine ich das, was wir in den MINT-Fächern ganz selbstverständlich gelernt haben:
a) Arbeiten entlang von Primärquellen – also Originaldokumente und Originaldaten,
b) Transparenz der Annahmen und Methoden,
c) Trennung von Messung, Interpretation und Bewertung,
d) Überprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit von Ergebnissen.
Das ist der Maßstab, den wir anlegen würden. Kein Student käme damit durch, wenn er sich nur auf Zusammenfassungen, Pressemitteilungen oder Drittinterpretationen stützt. Das sollte auch für die Aufarbeitung der Pandemie gelten. Das ist eigentlich selbstverständlich für ein Land der Ingenieure. Dass wir heute über Primärprotokolle sprechen können, verdanken wir aber nicht den funktionierenden Transparenzmechanismen, sondern dem Einsatz einzelner Bürger.“
Wie genau passierte das?
„Die Instrumente, die eigentlich dafür vorgesehen sind, wie das Informationsfreiheitsgesetz, haben in der Praxis weitgehend versagt. Erst durch Klagen vor Gericht wurden relevante Primärdokumente überhaupt zugänglich gemacht. Menschen wie Christian Haffner[3] haben dafür enorme persönliche Belastungen getragen – mit rund 100.000 Euro Anwaltskosten, finanziert durch Bürger. Ich denke auch an die Arbeit des freien Journalisten Bastian Barucker[4] (Autor „Vereinnahmte Wissenschaft“), an René Röderstein[5] (er hat die Corona-Krisenstabs-Protokolle der Stadt Köln eingefordert), an Paul Schreyer[6] (Mitherausgeber des Online-Magazins Multipolar, er hat die Herausgabe der RKI-Krisenstabsprotokolle gerichtlich erstritten) und an viele andere, die diese Dokumente überhaupt erst auffindbar und nutzbar gemacht haben. Das ist die eigentliche Aufarbeitungsleistung, erbracht von uns Bürgern. Wenn diese Arbeit bereits getan wurde, dann kann es nicht sein, dass sich offizielle Gremien weiter mit Sekundärquellen, Presseberichten oder politischen Bewertungen begnügen. Wer Aufarbeitung ernst meint, muss nun in die vorliegenden Primärdokumente gehen. Genau das erwarte ich von denjenigen, die heute beruflich mit der Aufarbeitung betreut sind, dass sie sich mit den vorhandenen Originalquellen ernsthaft auseinandersetzen. Sämtliche Dokumente wurden freigeklagt, strukturiert und öffentlich zugänglich gemacht, gebündelt auf Plattformen wie corona-protokolle.net[7]. Alles liegt auf dem Tisch. Man muss nur hinschauen. Wir müssen in der Aufarbeitung so arbeiten, wie wir es von einem Ingenieur erwarten würden. Wenn wir diesen Anspruch aufgeben, geben wir ein Stück unseres eigenen Selbstverständnisses auf. Das wäre fatal.“
"Primärquellen ignorieren grenzt an Arbeitsverweigerung"
Sie hatten in Ihrer Anhörung in der Kommission in Brandenburg das Finanzamt als Beispiel genannt, um den „Goldstandard“ zu veranschaulichen.
Marcel Barz:
„Ja, das Finanzamt lässt sich auch nicht mit schönen Erzählungen oder Sekundärquellen abspeisen. Sie können ja mal versuchen, in der Steuerklärung zu sagen: „Wir sind gut durchs Geschäftsjahr gekommen, wir waren sehr solidarisch, und die Kunden waren zufrieden“, und das Ganze mit einer Broschüre und ein paar Fotos belegen. Das wird nicht akzeptiert. Und selbst wenn sie dann beginnen, Gummiahlen zu nennen – „10 Ausgangsrechnungen, 5 Parkplätze, 2 Kaffeemaschinen“ – dann sind das zwar alles korrekte Fakten, aber auch das reicht nicht. Das Finanzamt wird Primärquellen und Betonzahlen verlangen, zum Beispiel die Betriebswirtschaftliche Auswertung. Und genau das ist der Punkt: Was für das Finanzamt völlig selbstverständlich ist, muss auch für die Aufarbeitung der Corona-Krise gelten. Gerade dann, wenn es um massive Eingriffe in Grundrechte geht. Und wie gesagt, diese Primärquellen und Betonzahlen liegen heute bereits vor. Sie zu ignorieren grenzt an Arbeitsverweigerung.“
Aufarbeitung für jeden rekonstruierbar
Sie sprachen in der Kommission auch von einer Aufarbeitungs-Wand. Wie meinen Sie das?
Marcel Barz:
„Das ist ein sehr wirkungsvolles und einfaches Arbeitsprinzip. Alle relevanten Primärdokumente und Betonzahlen werden sichtbar und nachvollziehbar an einer Wand zusammengeführt – wie eine Landkarte – analog oder digital. Das heißt konkret:
- oben die Zeitachse mit den Ereignissen: Was ist wann passiert?
- links die Originaldokumente: Lageberichte, Krisenstabsprotokolle, Kabinettsvorlagen usw.
- darunter die zugrundeliegenden Betondaten
- rechts die Sekundärdokumente und Gummizahlen: Medienberichte, Pressemitteilungen, PCR-Zahlen usw.
„So entsteht eine Art „Archäologie der Entscheidungen“. Man kann Schritt für Schritt nachvollziehen, wie aus bestimmten Daten und Einschätzungen konkrete politische Maßnahmen entstanden sind. Der Vorteil ist entscheidend: Man verlässt die Ebene der nachträglichen Erzählungen und geht zurück zur tatsächlichen Entscheidungsrealität. Für mich als analytisch geprägten Menschen ist das der einzig saubere Weg. Alles ist überprüfbar, jeder kann die Zusammenhänge selbst nachvollziehen. Aufarbeitung wird dann für jeden greifbar – als rekonstruierbarer Prozess. Diese Wand muss entstehen, ob digital oder physisch, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass wir sie haben. Denn erst dann werden auch die „weißen Flecken“ sichtbar, die bis heute bestehen. Diese Aufarbeitungs-Wand beginnt übrigens nicht im Jahr 2020, sondern reicht weiter zurück. Ich würde sagen etwa bis zur Schweinegrippe 2009, zu Pandemie-Planspielen, militärischen Strukturen oder sogar bis hin zu den Epstein-Files, die heute auch als Primärdokumente vorliegen. Erst wenn wir das alles zusammenführen, entsteht ein vollständiges Bild. Und ich bin überzeugt: Jede politische Kraft, die diesen Weg ernsthaft geht, kann davon profitieren – weil sie zeigt, dass es ihr um echte, nachvollziehbare Aufklärung geht.“*
Es gibt hier nur zwei Wege: eine ingenieurmäßige, faktenbasierte Aufarbeitung – oder eine politische Erzählung mit Blendwerk.
Marcel Barz, Datenanalyst, April 2026
Gummizahlen für Grundrechtseingriffe?
Sie sagen: Je tiefer der Staat in Grundrechte, Bildung, Wirtschaft oder soziale Beziehungen eingreift, desto härter muss die zugrundeliegende Datenbasis sein. Geben Sie uns ein Beispiel.
Marcel Barz:
„Nehmen wir nochmal die Entscheidung über Schulschließungen. Am Anfang der Pandemie wurden solche Maßnahmen häufig mit steigenden Inzidenzen begründet, also mit Zahlen, die stark von der Teststrategie abhängen. Wenn mehr getestet wird, steigen die Fallzahlen automatisch. Das sind klassische Gummizahlen: geeignet, um eine Entwicklung früh zu erkennen, aber nicht, um die tatsächliche Lage zu bewerten. Für einen so massiven Eingriff wie flächendeckende Schulschließungen hätte die entscheidende Frage lauten müssen: Wie ist die reale Gefährdungslage für Kinder und wie stark ist das Gesundheitssystem tatsächlich belastet? Und auf der anderen Seite: Welche realen Folgen haben die Maßnahmen selbst? Heute sehen wir z. B., dass laut dem Deutschen Schulbarometer 2025/26 der Robert-Bosch-Stiftung[8] sich etwa jedes vierte Kind psychisch belastet fühlt. Das sind ebenfalls harte Outcome-Daten – nur eben auf der Seite der Nebenwirkungen. Das heißt: Wir hatten auf der einen Seite Entscheidungen, die stark auf Gummizahlen gestützt waren und auf der anderen Seite sehr reale, messbare Folgen, die für Fachleute absehbar waren. Aus einer ingenieurwissenschaftlichen Perspektive wäre der saubere Ansatz gewesen: Frühwarnindikatoren ernst nehmen, ja – aber die Entscheidung über so tiefgreifende Eingriffe erst dann treffen, wenn robuste Betonzahlen auf Landesebene eine tatsächliche Notlage belegen. Je härter die Maßnahme, desto härter sollte die Datengrundlage sein.“
Corona-Aufarbeitung in Brandenburg
Sie sagen, die Arbeit läuft sehr gut in der Brandenburg-Kommission, warum?
Marcel Barz:
„Weil dort vieles so gemacht wird, wie man es aus einer faktenbasierten Arbeitsweise kennt[9].
Erstens: Es gibt erkennbar den Willen, sich an den Primärquellen zu orientieren und nicht nur an politischen Bewertungen oder nachträglichen Einordnungen.
Zweitens: Die Kommission arbeitet offen und nachvollziehbar. Sitzungen finden öffentlich statt, Sachverständige werden gehört, dürfen ausreden, unterschiedliche Perspektiven werden zugelassen. Niemand wird als „demokratische oder nicht-demokratischer Aufklärer“ diffamiert.
Drittens: Es gibt eine gewisse Ernsthaftigkeit im Erkenntnisinteresse. Es geht nicht primär um die Frage „Wer hatte recht?“, sondern: „Was können wir aus den damaligen Entscheidungen lernen?“
Und viertens, aus meiner Sicht entscheidend: Man ist bereit, sich auch mit den unangenehmen Fragen zu beschäftigen und dort hinzuschauen, wo es Widersprüche oder Gegenwind gibt oder wo Entscheidungen möglicherweise auf unsicherer Datenbasis getroffen wurden. Und genau so müsste Aufarbeitung grundsätzlich aussehen. Ich freue mich schon auf den Zwischen- und Abschlussbericht und habe große Erwartungen. Diese Berichte kann ich dann exakt prüfen, ob sie sich entlang der Primärquellen und Betonzahlen orientieren oder nicht. Ich habe dort auch eine schriftliche Stellungnahme abgegeben. Darin habe ich einen Selbsttest[10] formuliert, mit dem die Mitglieder der Kommission für sich prüfen können, wie tief sie sich bereits in die Primärdokumente eingearbeitet haben.“
Zur Person
Marcel Barz
Marcel Barz (*1975) war Offizier der Bundeswehr und studierte Wirtschafts- und Organisationswissenschaften sowie Wirtschaftsinformatik. Als Gründer und Geschäftsführer einer auf Datenanalyse spezialisierten Softwarefirma beschäftigte er sich beruflich mit der Auswertung komplexer Datenbestände.
Bekannt wurde er im August 2021 mit dem Videovortrag „Die Pandemie in den Rohdaten“, der über eine Million Aufrufe erzielte. Seitdem engagiert er sich unter dem Pseudonym „Erbsenzähler“ für die Corona-Aufarbeitung und informiert über seinen Telegram- und YouTube-Kanal über relevante Dokumente, Entwicklungen und Hintergründe.
Bundeskommission: keine Aufarbeitung
Wie sieht es auf Bundesebene aus?
Marcel Barz:
„Die Enquete-Kommission auf Bundesebene ist meines Erachtens faktisch nicht arbeitsfähig, weil sie durch politische Blockaden gelähmt wird. Statt sich konsequent entlang der Primärquellen vorzuarbeiten, werden Anzuhörende abgelehnt und zentrale Themen gar nicht erst behandelt. Im Vordergrund stehen moralische Bewertungen und politische Einordnungen und nicht die Originaldokumente. Es wird bewertet, bevor überhaupt sauber rekonstruiert wurde. So entsteht keine Aufarbeitung. Die Bundesebene liefert derzeit eher ein Negativbeispiel – daran kann man sehr gut erkennen, wie Aufarbeitung nicht funktionieren kann.“
Wie lautet Ihr Fazit, Herr Barz, zu den Aufarbeitungs-Gremien?
Marcel Barz:
„Wir brauchen dringend einen Untersuchungsausschuss auf Bundesebene – nach Goldstandard. Aufarbeitung ausschließlich auf Grundlage überprüfbarer Fakten, Primärquellen und Betonzahlen. Wenn wir diesen Anspruch aufgeben, geben wir ein Stück unseres eigenen Selbstverständnisses als Ingenieursnation auf – als Land, das für Präzision, Gründlichkeit und faktenbasierte Rationalität steht. Genau daran müssen wir uns auch bei der Corona-Aufarbeitung messen lassen. Solange das nicht geschieht, werden wir als Bürger weiter Primärquellen sammeln, sichern und zugänglich machen. Ich selbst werde weiter an dieser Aufarbeitungs-Wand arbeiten und die „weißen Flecken“ füllen. Ich beobachte mit einem gewissen Schmunzeln, wie einige Protagonisten bis heute glauben, mit Rhetorik, moralischer Keule oder politischer Einordnung durchzukommen. Aber: Es ist unerheblich, wer oder welche Partei ein Thema aufgreift. Der einzige Maßstab ist, ob sich eine Aussage mit den Primärdokumenten und Betonzahlen deckt, oder ihnen widerspricht. Alles andere ist Blendwerk. Und genau das lässt sich heute sehr klar überprüfen. Jede Stellungnahme, jeder Bericht und jede Aufarbeitungssitzung kann daran gemessen werden. Das ist ein objektiver Maßstab, und die KI kann dabei sehr nützlich sein. Deshalb bin ich auch entspannt. Am Ende wird sich das durchsetzen. Denn es gibt hier nur zwei Wege: eine ingenieurmäßige, faktenbasierte Aufarbeitung – oder eine politische Erzählung mit Blendwerk. Und wir werden darauf bestehen, dass ersteres passiert.“
Siehe: corona-protokolle.net
Quellen
- 1https://www.bundesgesundheitsministerium.de/corona-bericht-kinder-jugendliche
- 2https://www.youtube.com/@marcelbarz
- 3https://fragdenstaat.de/protokolle-des-coronaexpertenrats/
- 4https://www.masselverlag.de/Vereinnahmte-Wissenschaft/
- 5https://corona-protokolle.net/koeln-corona-krisenstab/
- 6https://multipolar-magazin.de/rki-protokolle-2
- 7https://corona-protokolle.net/
- 8https://www.bosch-stiftung.de/psychische-belastung-bei-kindern-und-jugendlichen
- 9https://www.youtube.com/
- 10https://drive.google.com/file/









