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Enquete-Kommission Brandenburg

„Voodoo“ statt Wissenschaft? Kommission deckt Grundlagen der Schulschließungen auf Video

Unter den verschiedenen Corona-Aufarbeitungsgremien hebt sich die Enquete-Kommission im Brandenburger Landtag deutlich positiv ab. Unter Vorsitz von Sina Schönbrunn (SPD) herrscht dort eine ergebnisoffene Debattenkultur¸ die tatsächliche Ergebnisoffenheit erwarten lässt – im Gegensatz zu anderen Beispielen auf Bundesebene oder in anderen Ländern. Besonders beim Thema Umgang mit Kindern und Jugendlichen kam die Kommission der zentralen Frage einen wichtigen Schritt näher: Hat man es wirklich nicht besser gewusst – oder wurde trotz besseren Wissens so gehandelt? Gerichtsreporterin Claudia Jaworski hat die 9. (öffentliche) Sitzung vom 13. Februar 2026 in einer halbstündigen Reportage dokumentiert und kommentiert.

Corona Enquete- Kommission Landtag Brandenburg

Blick in den Sitzungssaal der Corona Enquete-Kommission im Brandenburger Landtag (@Claudia Jaworski)

Keine Zeit für Verhältnismäßigkeitsprüfung

Dass die Maßnahmen zum Schaden der Kinder waren, darüber war man sich erstaunlicherweise auch von Seiten der öffentlichen Hand von Beginn an einig. Den Erkenntnissen aller Experten – u.a. der ehemaligen Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder, der Vertreterin der „Initiative Familien e.V.“, Frau Dr. Nicola Brandt, sowie des Kinderarztes Prof. Dr. Tobias Tenenbaum – die noch einmal das ganze Ausmaß der den Kindern zugemuteten Belastungen vor Augen führten, schloss sich der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Jens Graf mit folgenden Worten an:

„Wenn der Staat zu so einer massiven Maßnahme greift, wie ‚wir müssen die Schulen schließen‘, mit den Folgen, die sie da alle beschrieben haben, und das war keine leichte Entscheidung, dass man die Schulen geschlossen hat. Das wussten doch alle, was dann passiert. Aber die Abwägung war eben, dass das nach dem Erkenntnisstand damals das mildere Mittel war.“

Aber gab es eine Abwägung? Tatsächlich hat die offene Schilderung interner Abläufe von Juristen verschiedener Ministerien zum Thema „Evaluierung und Effektivität zur Verhältnismäßigkeit“ in der 7. Sitzung vom 05. Dezember 2025 gezeigt, dass eine Verhältnismäßigkeitsprüfung auf materieller Ebene nie stattgefunden hat. So bestätigte das Sozialministerium, dass eine „klassische Evaluierung nicht vorgenommen wurde (…). Die Zeit war effektiv nicht gegeben.“ Auch das Justizministerium erklärte: „Wir haben keine klassische regierungsinterne Evaluierung der Normsetzung gemacht.“[1]

Herr Dorst (BSW) stellte dann in der 9. Sitzung im Interview fest, dass alle Ausführungen der Ministerien in dieser Enquete die gedankliche Beschränkung auf ein reines Top-Down-Durchexekutieren zum Ausdruck brachten, was nach seiner Einschätzung nicht ohne einen „gewissen Stolz“ praktiziert worden sei.

„Mit dem Wissen von damals…“

Die ehemalige Familienministerin Dr. Schröder brachte energisch zur Sprache, dass es bei der Folgenabschätzung einer 183-tägigen Schulschließung – mit der Deutschland europaweit auf Platz zwei lag[2] – keine pädiatrischen Fachkenntnisse brauche, um festzustellen, was passieren werde. So zeigte Prof. Dr. Ludwig Bilz anhand der HBSC-Studie[3] einen stark ausgeprägten Anstieg psychosomatischer Beschwerden im Jahr 2022 im Vergleich zu 2018. Auch Frau Dr. Nicola Brandt betonte, dass bereits im Frühjahr 2020 ein schweres ethisches Dilemma bestand:

„Wir wussten, dass wir Kinder ihrer Bildung berauben, dass wir sie ihrer Gesundheit berauben, dass wir sie ihrer Zukunft berauben, wenn wir ihnen diese Schulschließungen auferlegen.“

Der einzigen Begründungsfigur „wir wussten es mit dem damaligen Kenntnisstand nicht besser“, wurde durch die Stellungnahme der Sachverständigen sowie der Politiker des BSW und der AfD schnell der Boden entzogen. Grundlage dafür waren zwei Fragen: Gab es eine ausreichende Datengrundlage, welche diese Maßnahmen rechtfertigte und hat überhaupt ein Abwägungsprozess stattgefunden, in dem die Folgen für die Kinder und der Nutzen für die restliche Bevölkerung berücksichtigt wurden, so der stellv. Vorsitzende der Enquete Lars Hünich (AfD).

Der Vertreter der Landesregierung Herr Martin Zaske wandte dagegen ein, dass „im März 2020 die Angst, dass Kinder und Jugendliche großflächig zur Ansteckung beitragen können (…) noch nicht durch Studien widerlegt war. (…) Man ging weiter davon aus, dass es ein starkes Ansteckungsrisiko gab. Deswegen wurde die Entscheidung so getroffen.“

Dagegen findet man im RKI-Protokoll vom 26. Februar 2020, also lange vor den Schulschließungen, folgenden Eintrag: „Schulen, Kitas stehen nicht im Vordergrund, Kinder keine wichtigen Glieder in Transmissionsketten.“

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Worst-Case-Szenarien als Entscheidungsgrundlage

Vertreter von BSW und AfD mahnten wiederholt an, dass die alleinige Entscheidungsgrundlage für Schul- und Kitaschließungen Modellierungen gewesen seien, die nichts mit der Realität zu tun hatten. „Das überhaupt als eine wissenschaftliche Leistung zu bezeichnen ist eine Frechheit. Das ist Voodoo, was sie betreiben“, so Herr Dorst (BSW). „Spätestens 8 Wochen nach der ersten Schulschließung hätte man wissen müssen, dass die Modellierung nicht eingetroffen ist“, meinte Lars Hünich (AfD).

Ausschlag für diese Entscheidung gab eine am 20. März 2020 veröffentlichte RKI-Modellierung, welche schon auf der ersten MPK am 12. März 2020 von Wissenschaftlern wie Dr. Christian Drosten vorgestellt wurde. So sollten ohne die Einführung wirksamer Maßnahmen die modellierten Todeszahlen in den ersten Pandemiemonaten im Bereich von etwa 300.000 bis 400.000 liegen, was zu keinem Zeitpunkt der Fall war. Wirft man einen Blick in die RKI-Protokolle, so findet man am 05. März 2020 den Hinweis, dass das BMG eine Veröffentlichung dieser Modellierung nicht wünschte. Laut dem Datenanalysten Tom Lausen traten von den vorhergesagten 400.000 Todesfällen tatsächlich 5.000 ein, womit die Prognose um 7.900 Prozent über dem eingetretenen Wert lag. Der ehemalige Präsident des RKI, Prof. Dr. Schaade, bestätigte im direkten Gespräch mit Tom Lausen in der Arbeitsgruppe 2 des Bundestages, dass die prognostizierten tausenden Toten aus der Modellierung nie eingetreten seien. Und auch Anders Tegnell, Schwedens Chef-Epidemiologe, konstatiert[4], dass Modellierungen nicht für Prognosen gemacht seien, sondern um die mögliche Effektivität von Maßnahmen darzustellen; man müsse daher sehr sorgfältig bei der Auswahl der einzugebenden Daten seien, sonst erhalte man „rubbish in, rubbish out“. So sind die prognostizierten 85.000 Toten nicht engetreten, sondern ca. 5.000.

Waren also schon die Modellierungen der Todeszahlen unrealistisch, so stellte Prof. Dr. Werner Bergholz fest, dass auch von den Schnelltests große Verzerrungen ausgingen. Von insgesamt 32.500 Schnelltests an Bremer Schulen Anfang 2021 waren nur 112 (0,3%) positiv und von diesen bestätigten sich nur 15 (0,04%) im PCR Nach-Test (von denen dann noch die unbekannte Falsch-Positiv-Rate abzuziehen ist). Das zeigte, dass Kinder beim Infektionsgeschehen keine wesentliche Rolle spielten.

Ignoranz gegenüber Elternstimmen

Die in der Sitzung angehörten Vertreter der Eltern sagten, dass sich die Eltern nolens volens auf die Maßnahmen einlassen mussten, weil sie der Behauptung des Ministeriums hinsichtlich der Fallzahlen und den harten Fakten „der Wissenschaft“ zum damaligen Zeitpunkt nichts entgegenhalten konnten. „Im Nachhinein wurde argumentiert, es wurde mit Eltern abgesprochen. Das war mitnichten so. Das ist ein Fakt, das muss ich hier so mal festhalten“, so der Sprecher des Landesrates der Eltern, Herr Mertens. Die Vertreterin der „Initiative Eltern“, Dr. Nicola Brandt, beschwerte sich darüber, dass die offenen Briefe, die ihre „Initiative Eltern“ mit Hilfe von Prof. Dr. Krüger und einer Vielzahl an Kinderärzten geschrieben hatte, ins Leere liefen.

„Wir haben die Arbeit der Politik gemacht, die diese Experten nicht ausreichend gehört hat. (…) Wir hatten nicht den Eindruck, dass wir sehr stark gehört wurden. Was aber passiert ist, ist dass wir oft diffamiert wurden als querdenkernah“.

Auch der Kinderarzt und Vorsitzende der „Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie“, Prof. Dr. Tobias Tenenbaum, der mit seiner Gesellschaft als einzige in Deutschland schon im Frühjahr 2020 systematisch die Anzahl an mit Sars-CoV-2 hospitalisierten Kindern erfasste, führte aus, dass schon relativ früh klar gewesen wäre, dass das Risiko für Kinder, schwer zu erkranken, deutlich geringer war.

„Das war schon vor dem großen Lockdown bekannt, dass die Kinder nicht so schwer betroffen waren, und dass man das Gespräch mit uns als Experten nicht so gesucht hat und uns nicht so gehört hat, dass das zu dem Zeitpunkt ein gewisses Faktum war.“

Apokalyptische Szenarien als politisches Instrument

„Dass die Kinder nicht so stark von Erkrankung und schweren Verläufen betroffen waren, das stimmt, das ist so, das wusste man auch“, bestätigte der Vertreter der Landesregierung, Herr Zaske. Die Angst rührte allerdings aus der Sorge über großflächige Verbreitung durch die Kinder und Jugendlichen, so die verbleibende Rechtfertigungsfigur seitens des Ministeriums für die Nutzen-Risiko-Abwägung. An dieser Stelle wurde die Bedeutung des „Panik-Papiers“ der Bundesregierung deutlich, welches auf diese Feststellung des Regierungsvertreters hin thematisiert wurde. „Das was Sie hier sagen, ist das Panikpapier“, so Lars Hünich (AfD). „Vieles, was auf die Öffentlichkeit und die Eltern gewirkt hat, war herausgearbeitet von Nudgingexperten“, so Christian Dorst. „Dieses Papier, das bewusst apokalyptische Szenarien gerade an die Urängste der Eltern appellierte, hätte es in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat nie geben dürfen.“, meinte Dr. Kristina Schröder. Darüber hinaus gewährte sie den Anwesenden bemerkenswerte Einblicke in interne Abläufe bei der Feststellung der maßgeblichen Verantwortung der Politik:

„Aus den Ministerpräsidentenkonferenzen habe ich die Papiere in der Regel zugespielt bekommen, was das Bundeskanzleramt als Entwurf für die MPK hatte und ich konnte sie mit dem vergleichen, was am Ende der MPK herausgekommen ist. Es war meistens so, ich würde sogar sagen immer, dass der Entwurf des Bundeskanzleramts ganz stark auf Schul- und Kitaschließungen fokussierte. Ich rede hier auch noch vom Jahr 2021 bis weit in den Frühsommer hinein.“

„Die Wissenschaft wurde zum Sklaven gemacht“

In der Debatte um die Frage der Verantwortung betonte der Medizinstatistiker und Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin, Prof. Dr. Gerd Antes, im Interview, dass die Wissenschaft selbst ein „Kollateralschaden der Pandemie“ war. „Die Wissenschaft wurde zum Sklaven gemacht, um das zu produzieren, was man politisch hören wollte.“

Stehen die nachweislich langfristigen psychischen Schäden bei Kindern und Jugendlichen durch Schul- und Kitaschließungen in einem vertretbaren Verhältnis zu reinen Prognosen und Modellierungen, die sich um das Hundertfache als übertrieben herausgestellt haben? Hat nicht genau die rigide Verfolgung solcher fehlerhafter, spekulativer Modelle – auf die die Verwaltung bis heute mit Stolz verweist – neue, unabsehbare Gefahren geschaffen, ausgerechnet für diejenigen, die der Staat als seine besonderen Schutzbefohlenen zu schützen vorgibt: die Kinder und Jugendlichen? Die Effektivität der Gefahrenabwehr steht hier fundamental infrage, wenn die vermeintliche Grundlage wissenschaftlich unhaltbar war, während die realen Kollateralschäden – tiefe psychische Narben, Lernrückstände, soziale Isolation – für eine ganze Generation bleibend und messbar sind.

Die Fraktionen der Enquete einigten sich auf die Notwendigkeit, das RKI vorzuladen als zentrale Behörde, deren Kernaufgabe es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse als Basis für gesundheitspolitische Entscheidungen zur Verfügung zu stellen. Denn es gilt zu klären, warum das Ministerium dem Abraten des RKI von flächendeckenden Schulschließungen aufgrund fehlender Evidenz für deren Wirksamkeit nicht gefolgt ist – wie es aus den RKI-Protokollen hervorgeht. Kurz vor Sitzungsende teilte die Vorsitzende Sina Schönbrunn jedoch die Absage des RKI mit, welches am 22.05.2026 neben Bastian Barucker gehört werden sollte, der als erster die – damals noch geschwärzten – RKI-Protokolle publizierte.

Mit Spannung verfolgt diese Enquete auch, ob die „Gesellschaft für Virologie“ der Einladung Folge leisten wird, nachdem sie in einer öffentlichen Stellungnahme vermeintlich unwissenschaftliche Aussagen von Prof. Dr. Krüger in der 6. Sitzung vom 07.11.2025[5] beanstandete.

Dass der Bund erst kürzlich 1,8 Mio. EUR für das Frühwarnsystem des Pandemie-Modellierers Prof. Dr. Brockmann und seinen Partner Prof. Dr. Drosten zur Verfügung stellte, um noch effizientere Voraussagen tätigen zu können, obwohl diese massive Kollateralschäden verursacht haben, zeigt, dass die von Herrn Dorst als „Voodoo“ bezeichnete Wissenschaft weiterhin gefragt ist. Dem geht der Artikel „Brockmann & Drosten: App und PCR-Tests, die perfekte Symbiose?“ nach.

Claudia Jaworski auf YouTube

Die Berichterstattung von Claudia Jaworski finden Sie auf YouTube unter:
YouTube | Claudia Jaworski

Autor

Claudia Jaworski

Claudia Jaworski ist Gerichtsreporterin mit Schwerpunkt auf politisch sensible Gerichtsverfahren. Sie begleitet im gesamten Bundesgebiet vor allem Mammutprozesse – wie z.B. gegen Dr. Reiner Füllmich, Michael Ballweg und Dr. Walter Weber, aber auch viele Soldatenprozesse in Zusammenhang mit der Widersetzung gegen die Corona-Duldungspflicht. Im Fokus ihrer Berichterstattung steht vor allem die Beweisaufnahme.

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