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Kolumbien

Kunst ist Widerstand – Die Band Doctor Krápula Audio

Seit über 25 Jahren bringen sie die Bühnen weltweit zum Beben: Doctor Krápula aus Bogotá! Gegründet 1998, mixen die fünf Kolumbianer einen explosiven Sound aus Ska, Punk, Cumbia, Reggae und Latin-Rock. Ihre Texte lassen nichts aus: Korruption, die Herausforderungen der Migration, Ausbeutung der Natur, Social-Media-Abhängigkeit. Ein Songtitel sagt alles: D.H.F.G.E. – „Dejemos de hacer famosa gente estúpida“ –  „Hören wir auf, dumme Menschen berühmt zu machen!“. Über 800 Konzerte in mehr als 20 Ländern, elf Studioalben, drei EPs, Kollaborationen mit Manu Chao, Juanes, Seeed und Café Tacvba. Ihr Leitspruch: Kunst ist Widerstand! Aktuell sind sie wieder in Deutschland auf Tour. Camilla Hildebrandt hat sie getroffen. Der Beitrag erschien zuerst bei Radio München.

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Doctor Krápula aus Kolumbien
Seit über 25 Jahren bringen sie die Bühnen weltweit zum Beben: Doctor Krápula aus Bogotá!

Kunst ist Widerstand

Die Scheinwerfer gehen an, die Band stürmt auf die Bühne – und ab der ersten Sekunde ist alles in Bewegung: es wird gerockt, getanzt, mitgesungen, gehüpft, gejubelt! Das ist Doctor Krápula aus Kolumbien: Das Leben wird lautstark gefeiert, die Probleme beim Namen genannt und gegen jede Ungerechtigkeit angesungen – bis die Fußsohlen glühen. Ihre Musik ist eine hitzige Mischung aus Punk, Ska, Cumbia, Reggae und Hip-Hop, und das seit über 25 Jahren! „Arte es resistencia“ – Kunst ist Widerstand, heißt ihr aktuelles Album und ja, genau das repräsentiert uns aktuell, oder eigentlich immer schon, sagen Sergio Acosta, der die Hammond-Orgel, Keyboards und Akkordeon spielt und Schlagzeuger Nicolás Cabrera. In dem Titelsong des Albums heißt es:

Der Parteichef
Gibt jeden Tag den Befehl

Macht ganz gelassen seine Geschäfte
Sein Partner ist die Staatsanwaltschaft

Die Ratten im Kongress
Mästen sich die Bäuche
Während das Volk leidet

Der gleiche alte Tanz Massaker, Ungerechtigkeit
Die Geduld ist am Ende.
Kunst ist Widerstand!

Liedtitel: Arte es resistencia, Doctor Krápula

Widerstand bis zum Auswandern

Wenn die Musiker von Doctor Krápula von Widerstand sprechen, meinen sie es wörtlich. 2022 entschieden sie sich ihr Heimatland Kolumbien zu verlassen. Sie erhielten konkrete Bedrohungen wegen ihrer kritischen Texte und ihres Engagements. Seitdem leben sie mit ihren Familien in Hagen, Deutschland – ermöglicht durch ein Stipendium der Martin-Roth-Initiative für politisch verfolgte Künstler, auf das sie eine deutsche Bekannte hingewiesen hatte.

„Während der Covid-Zeit kam es zu sehr großen sozialen Unruhen in Kolumbien, genannt el estallido social – und wir waren Teil der Bewegung. Als wir anfingen, die Menschen zu unterstützen, erhielten wir Drohungen und wurden zudem von der Polizei mit Tränengas angegriffen, auch, als wir mitten in diesen Demonstrationen für die Menschen spielten.“

Die größten Proteste seit den 70ern

Der ‚Estallido social‘ begann am 28. April 2021, Massenproteste gegen eine Steuerreform des damaligen Präsidenten Iván Duque, der mitten in der COVID-Krise durch höhere Abgaben Geld in die leeren Staatskassen bringen wollte. Aus den Protesten wurde schnell eine breite Bewegung gegen Armut, Ungleichheit, Korruption und Polizeigewalt. Millionen demonstrierten monatelang, vor allem in Bogotá und Cali. Und die Polizei reagierte brutal: mit Tränengas, Schlagstöcken, Gummigeschossen und Schusswaffen. Es gab mindestens 80 Tote und Tausende Verletze. Doctor Krápula war mittendrin.

„Wir sind auf die Straße gegangen, weil die Polizei zum Beispiel Dilan Cruz getötet hat (2019, repräsentativ für die Zeit), einen Studenten, der an der Demonstration teilgenommen hatte und durch eins der Gummigeschosse, die ihn ins Gesicht trafen, starb. Und wir bekamen Drohungen über die sozialen Netzwerke, vor allem von Unbekannten, nach dem Motto ´Wenn ihr hierher zurückkommt, machen wir euch platt.´“

Für Gerechtigkeit eintreten

Das Album  – der mittlerweile 11 CD´s  – das damals entstand, trägt nicht umsonst den Titel „Calle Caliente“- „Heiße Straßen“. Hier ein Auszug aus dem Song:  „No disparen“ – „schießt nicht“.

Hassreden und Polarisierung
Die gesamte Bevölkerung wird in Angst und Schrecken versetzt.

Mit Falschinformationen wird manipuliert,
zwischen Chaos und Angst schüren sie Korruption.

Das Leben ist unwichtig, solange die Geschäfte laufen.
Und wer sich in den Weg stellt, wird mit Drohungen überzogen.
Die Stimme Vieler war noch nie so wichtig.

Schießt nicht, wir sind unbewaffnet
Respektiert das Leben, Rechte sind heilig!

Liedtext: „No disparen“, Doctor Krápula

Seit 2022 in Hagen

2022 nutzten die Musiker zusammen mit ihren Familien die Chance und kamen nach Deutschland – nach Hagen – zunächst für ein Jahr, aber fast alle Band-Mitglieder sind bis heute geblieben. Nur Sänger Mario Muñoz zog es zurück in seine Heimat. Seit 2024 lebt er auf dem Land in Kolumbien. Die Band trifft sich physisch für Tourneen und Aufnahmen – in Europa und in Kolumbien. Seit 10 Jahren tourten sie vor ihrem Umzug schon regelmäßig durch Deutschland, aber der Umzug hierher, in eine völlig andere Kultur, habe sie dennoch alle stark gefordert, erzählen Sergio und Nicolás, gleichzeitig sei musikalisch viel passiert: Neue Einflüsse, die Zusammenarbeit mit unter anderem Musikern aus der Schweiz und Frankreich und eine intensive kreative Phase im Studio, wie sie vorher kaum möglich war.

„Natürlich ist unsere Essenz erhalten geblieben. Aber man erkennt dennoch einen anderen Sound, der sich auch in der Komposition unterscheidet. Zum Beispiel gibt es einen Song, den wir selbst auf Deutsch singen zusammen mit Künstlern aus Hamburg, der Band „Le Fly“. Das ist absolut neu für unsere Fans.“

Lyrics mit Botschaft

„Kunst ist Widerstand“ – dieses Leitmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Doctor Krápula. Und tatsächlich lassen die Musiker kein Thema aus: die Ausbeutung der Natur, die Korruption in der Politik, die Herausforderungen der Migration, die Abhängigkeit von Social-Media-Likes oder die oft erschreckende Leichtgläubigkeit vieler Menschen. Wie zum Beispiel in dem Song D.H.F.G.E. – eine Abkürzung für „Dejemos de hacer famosa gente estúpida“ – „Hören wir auf, dumme Leute berühmt zu machen“. Ein Song, der sich nicht nur an die jungen Leute richtet:

„Oberflächlich klingt es so, als würden wir über YouTuber sprechen, die sich Eier auf dem Kopf zerschlagen. Aber ehrlich gesagt reden wir auch über Politiker, die die sozialen Netzwerke manipulieren. Schon mit der ersten Information glauben wird ihnen ihre Lügen. Unser Song ist ein Vorschlag etwas kritischer zu sein: Recherchiert verschiedene Quellen, lest nicht immer dieselbe Zeitschrift, folgt nicht immer demselben YouTuber. Wir müssen lernen, besser damit umzugehen, indem wir auch die Meinung Andersdenkender hören, ohne anzugreifen.“

"Deine Selfies voller Filter lähmen dein Gehirn"

Hier ein Ausschnitt aus dem Song: „Dejemos de hacer famosa gente estúpida“, Featuring Dubioza Kolektiv.

Wo sind die Wissenschaftler?
Die Philosophen sind gestorben.
Deine Selfies voller Filter
Lähmen dein Gehirn.

Fake news travel through the town
Lies, lies, lies beat me down
I start to panic, I am paralyzed
Paralyzed, rebellion is.

Lass uns endlich damit aufhören
dumme Leute berühmt zu machen!

Liedtext: „D.H.F.G.E“, Doctor Krápula

Pro Deutschland? Bildung, Sicherheit, Gesundheit

Was sie in den letzten vier Jahren in Deutschland besonders zu schätzen gelernt haben? Nicolás und Sergio sagen: die Ordnung und die Sicherheit. Die Möglichkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Angst vor Gewalt durch die Straßen zu gehen – weil hier keine Hungersnot herrscht und grundlegende Bedürfnisse gedeckt sind. Dazu kommt der universelle Zugang zu Bildung und Krankenversorgung für alle, Dinge, die sie als fundamentale Menschenrechte sehen.

„Ich finde, Deutschland könnte das beste Land für Tourneen sein, es verfügt seit vielen Jahren über ein super gut ausgebautes Tournetz, es gibt unglaubliche Veranstaltungsorte, es ist einfach, auf der Straße zu reisen, die Leute sind es gewohnt, zu Konzerten zu gehen und kaufen Merchandise, Orte werden für die Kultur umgestaltet, wie ehemalige Kriegsbunker, das finde ich toll.“

Latinos haben einen schlechten Ruf

Dennoch stoßen sie in Deutschland auch immer wieder auf Unverständnis – etwa die Frage, warum sie nach all den Jahren noch nicht „ausreichend“ Deutsch sprechen, oder die Nachfragen zu Drogen.

„Das ist der Ruf, der aus den 90er- und 80er-Jahren stammt, vom Drogenhandel, von den Kriegen. Es ist aber auch wichtig, den Leuten zu erzählen, was Lateinamerika noch zu bieten hat, abgesehen von Pablo Escobar (dem Drogen-Boss aus Kolumbien). Wie ist die Natur dort? Wie sind die Menschen? Sie heißen dich willkommen, wenn du in Lateinamerika bist, sie behandeln dich gut, sie sind freundlich.“

Genau das spiegelt der Song „Mala Fama“ – „schlechter Ruf“ –  wieder. Darin heißt es: „Los sudacas tenemos mala fama, colombianos, mala fama“ – „wir Südamerikaner (sudacas: ein sehr abwertender Begriff), haben einen schlechten Ruf“. Aber der Refrain besagt: „Somos gente buena, somos gente de sonrisa bonita, nadie nos quita lo bailado“ – „Wir sind gute Leute, wir sind Menschen mit einem schönen Lächeln, niemand nimmt uns das Getanzte weg“.

Lateinamerikanische Wärme

Genau das macht Doctor Krápula auch aus: tanzen bis der Saal bebt, gute Laune, viel Liebe und Herzlichkeit. Und davon könnte man hier ein bisschen mehr gebrauchen, meinen Sergio und Nicolás schmunzelnd.

„Ich glaube, dass viele Deutsche oft sehr gestresst sind, nur arbeiten, ständig in einer Routine stecken, ich denke, die Kultur ist so, dass es für alles einen Plan braucht, perfekt sein muss. Improvisieren ist nichts, was die Deutschen so gut können, denke ich. Und wir sind das genaue Gegenteil, wir improvisieren einfach und planen nicht. Wir haben sehr nette Deutsche kennengelernt, die tatsächlich dankbar sind, dass wir den Menschen ein bisschen lateinamerikanische Wärme bringen.“

Der Beitrag erschien zuerst bei Radio München.

Tourdaten:

  • 20. März 2026
    Knust, Hamburg, Deutschland
  • 21. März 2026
    Bei Chez Heinz, Hannover, Deutschland
  • 25. März 2026
    Kulturrampe, Krefeld, Deutschland
  • 26. März 2026
    Schlachthof Wiesbaden, Wiesbaden, Deutschland
  • 27. März 2026
    Gebäude 9, Köln, Deutschland
  • 28. März 2026
    Patronaat, Haarlem, Niederlande

Autor

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ist studierte Romanistin und ausgebildete Radiojournalistin, arbeitet seit rund zwanzig Jahren für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, vorwiegend im Kulturbereich. Von 2013 bis 2020 war sie als Dozentin der DW Akademie für Journalismus in Bolivien, Guatemala, Brasilien, Libanon und Palästina unterwegs. Aufgrund der Bankrotterklärung des Journalismus berichtet sie seit 2020 über aktuelle Politik und Wissenschaft und kommentiert den Wandel der Gesellschaft.

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