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Selbstbild Deutschland

Deutschland – Land der Dichter, Denker und deformierten Schienen Audio

Während wir uns noch auf Pünktlichkeit, Ingenieurskunst und ‚Made in Germany‘ berufen, zeigt eine kurze Hitzewelle gnadenlos die Realität in Deutschland: Gleise verformen sich, Klimaanlagen fallen aus und die Bahn-App spuckt nur noch Ausfälle. Eine Glosse über ein Land, in dem das Bahnsystem schon bei 35 Grad Celsius zusammenbricht – und damit das Selbstbild einer ganzen Nation gleich mit.

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Deutschland - Deutsche Bahn - Selbstbild
Land der Dichter, Denker und deformierten Schienen (@Camilla Hildebrandt)

„Deutschland, das Land, wo alles funktioniert“

Made in Germany. Pünktlichkeit wie ein Schweizer Uhrwerk. Ingenieurskunst, die die Welt beneidet – und vor allem Zuverlässigkeit. Das Selbstbild Deutschlands hat sich lange gehalten, womöglich zu Recht. Züge fuhren pünktlich – heute müsste man hinzufügen: Sie fuhren überhaupt! Brücken brachen nicht plötzlich zusammen, Politiker traten zurück, wenn sie in Skandale verwickelt waren, die Schulbildung… Die Liste würde hier zu lang werden.
Der plötzliche Hitzeschub der letzten Tage macht einmal mehr deutlich, wie unvorbereitet das Land der Ingenieure auf vermeintlich „Unerwartetes“ ist. Am Wochenende, rund eineinhalb Stunden außerhalb der Bundes-Hauptstadt, hieß es plötzlich in der DB-App: „Ihre Verbindung fällt aus.“ Für den Rest des Tages. Beim erneuten Versuch am nächsten Tag zurück nach Berlin: Dasselbe. Ausfall, Ausfall, Ausfall. Kein Hin, kein Zurück. Gleisverformungen wegen der extremen Hitze, so die Erklärung einer Dame auf dem Campingplatz. Das bedeutete für uns: 35 Kilometer mit dem Fahrrad bei über 30 °C zur nächsten S-Bahn-Station – rund zweieinhalb Stunden – die allerdings funktionierte.
Ein kleiner Alptraum.

Kein Hauptstadt-Phänomen

In Berlin-Mitte, im CineStar am Alexanderplatz, saßen die Zuschauer bei 30 °C im Kinosaal, weil die Klimaanlage plötzlich – völlig unerwartet – ausfiel. Willkommen in der Hightech-Nation. Ein Phänomen Berlins, das sich selbst den Slogan „arm aber sexy“ gegeben hat? Ich würde den Slogan übrigens aktuell ersetzen durch „arm und verwahrlost“.
Keineswegs nur ein Berliner Phänomen.

In der bayerischen Hauptstadt dasselbe Schauspiel. Bei 33 °C fielen die Anlagen aus, als hätte jemand den Stecker gezogen. Die Besucher schwitzten und beschwerten sich auf Social Media, etwa auf Trustpilot. Bereits Ende Mai 2026 schrieb jemand bei der UCI Kinowelt München[1]: „Gestern bei 33 °C dort gewesen. Klimaanlage gleich null, trotz Getränke Kreislaufprobleme. Davon abgesehen sind einem bei dem Ton echt die Ohren weggeflogen.“

BR24 berichtete am 26. Juni 2026 über die Zustände bei der Deutschen Bahn[2]: „Ausgefallene Klimaanlagen, Gleisverformungen wegen starker Hitze“. Auch in den Kommentaren bei BR24 diskutieren User immer wieder, wie hitzebeständig die Deutsche Bahn ist. „Hatte schon mehrfach Ausfälle der Klimaanlage in ICE“, (…) „Das gibt es schon länger das Problem und es wird nichts gemacht“ (…) „Man sollte mal nach Japan schauen, wie da der Bahnverkehr funktioniert. Die kratzen im Sommer auch an der 40 °C-Marke und da fallen nicht ständig die Züge aus.“

Handeln? Weit gefehlt!

Das Problem ist natürlich nicht neu. Aber Maßnahmen ergreifen? Fehlanzeige. Nehmen wir nur den Fall der DB: Auf der Website heißt es sinngemäß, hohe Temperaturen könnten Schienen und Gleisbett „mitunter zu schaffen machen“[3], da sich Stahl bei extremen Temperaturen dehne. Damit die Gleise Temperaturen zwischen minus 20 °C und plus 60 °C standhalten können, würden sie bei einer Temperatur von 23 °C verschweißt. So könnten Schwankungen vom Gleisoberbau gut aufgenommen werden.
Nein, liebe DB, können sie eben nicht – wie wir gerade gemerkt haben!

Bei einem kurzen Blick auf die Seite „DB Baustellen und Störungen“[4] ist die Liste ohnehin endlos. Das Verschweißen bei 23 Grad reicht nun einmal nicht, wenn wir im Sommer bis zu 40 Grad verzeichnen.

Und nein, es ist auch kein „völlig überraschendes Phänomen“. Als mein Nachwuchs vor 16 Jahren auf die Welt kam, brüteten wir hier bereits bei rund 39 °C und flohen jeden Tag in den Park, weil es in unserer Straße leider keinen einzigen Baum mehr gibt, der die Luft filtern, Schatten spenden oder das Mikroklima wenigstens ein wenig erträglicher machen könnte.

Augen zu, Affe tot

Aber was soll’s – wir tun einfach so, als sei alles tipptopp im Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Ach nein, das waren die USA…

Der Berliner Tagesspiegel[5] zitierte die Deutsche Bahn mit den Worten, man habe „alle Vorkehrungen getroffen“ und sei „gut vorbereitet“ auf die Hitzewelle. Sprecher betonten, das Netz sei „robust“ und man stehe „im ständigen Austausch mit den Wetterdiensten“. Zudem warnte die DB bereits im Voraus vor möglichen Problemen. Die Zeit schrieb konkret: Wegen der Hitze fürchte die Bahn Störungen im Zugbetrieb und rate von Reisen ab. Wer Tickets für die kommenden Tage habe, könne diese kostenlos stornieren.
Realitätsverlust?

Im Süden funktioniert es seltsamerweise

Ein kurzer Blick nach Spanien (oder Italien) ist durchaus hilfreich[6]. Dort sind die Schienen von vornherein auf mediterranes Klima ausgelegt. Die sogenannte Neutralisationstemperatur liegt bei 24 bis 37 °C, in Deutschland bei mickrigen 23 °C. Die Gleise werden bei höheren Temperaturen verlegt und vertragen die Hitze besser. Zusätzlich werden sie oft weiß lackiert, was sie kühler hält. Die Züge sind robuster gebaut, die Klimaanlagen für 40 bis 45 °C ausgelegt. Ergebnis: Weniger Ausfälle, weniger Drama.

Wir investieren Milliarden in Klimaschutz und Energiewende – und schaffen es nicht, bei 35 °C die Züge kühl und die Schienen gerade zu halten. Dabei fällt auf: Die großen Klimagelder fließen offenbar besonders dann, wenn die Menschen spürbar „etwas merken“ – wenn die Hitze wirklich wehtut und man kollektiv stöhnt: „Ja, jetzt spüren wir’s doch alle.“ Als würde die Dringlichkeit erst dann politisch und finanziell richtig zünden. Anderswo auf der Welt zeigt sich, dass man Hitze auch mit kluger Anpassung, solider Ingenieurskunst und gezielten Infrastrukturmaßnahmen begegnen kann, ohne dafür Hunderte Milliarden in eine abstrakte „Transformation“ zu pumpen. Aber hierzulande scheint genau diese spürbare Krise der beste Argumentationshelfer für die nächsten Sondervermögen zu sein. Konkret handelt es sich um ein 500 Milliarden Euro[7] schweres Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, laut Bundesfinanzministerium[8]. Die Schwerpunkte liegen unter anderem in der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, Bildung und Forschung, Digitalisierung, Wohnungsbau, Krankenhausinfrastruktur und der Transformation Deutschlands zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Volkswirtschaft.

Ja, das sehe ich…

Währenddessen in Brüssel…

…im Herzen der EU: Am 26. Juni erhielten die im Berlaymont-Gebäude tätigen Mitarbeiter mittags eine SMS mit folgendem Wortlaut: „DRINGEND – Aufgrund extremer Wetterbedingungen wird die Klimaanlage in den Etagen 1 bis 7 für den Rest des Tages abgeschaltet.“ So berichtete unter anderem das Magazin Politico[9].
Witzig dabei: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihre 26 Kommissare sitzen in den Etagen darüber des insgesamt 13-stöckigen Gebäudes. Die „normalen“ Mitarbeiter dürfen folglich bei der Hitzewelle ohne Klimaanlage wahrlich schmoren, während die Chefs – Frau von der Leyen und ihre Kommissare – es sich oben gut durchgekühlt gemütlich machen. Zwei-Klassen-Mentalität vom allerfeinsten, Made in Europe. Die Berliner Zeitung[10] titelte dazu: „EU-Klimapolitik – Gluthitze in Brüssel: Ursula von der Leyen bleibt cool – ihr Personal kocht.“

Deutschlands Selbstbild bröckelt gewaltig

Es ist nicht nur eine Hitzewelle. Es ist ein Symptom. Deutschland hat sich lange auf seinem Ruf und seinem Selbstbild ausgeruht. Viele Zugezogene aus anderen Ländern versichern mir zwar nach wie vor: „Ja, aber in Deutschland ist es dennoch besser.“ Okay – aber im Vergleich mit welchem Land? Ich möchte sie schütteln und ihnen zurufen: „Aber die maroden Schulen, die erschlagende Bürokratie für Firmen und Unternehmen, das Bahn-Desaster, die Skandale in der Politik…“

Wir tun weiter so, als seien wir das Deutschland von vor rund 15 Jahren. Dabei bröckelt das Selbstbild an allen Ecken und Enden – und „bröckeln“ ist noch sehr nett formuliert. Besser wäre, wie ich schon Mitte 2020 schrieb: die schleichende Bankrotterklärung Deutschlands. So sehe ich das.

„Aber das Gesundheitssystem“, höre ich Gegenrufe. Im Ernst, gerade das Gesundheitssystem? „Und die Bildung“ – nein, da willst du nicht wirklich in die Tiefe gehen, denke ich mir im Stillen.

Meine spanische Freundin wollte bislang immer, dass ihre Kinder in Deutschland studieren, sie gehen aktuell in Madrid auf die deutsche Schule. Eben war sie zu Besuch in Hamburg, „so viele Obdachlose auf der Straße“, erzählte sie mir erschrocken.

Male ich alles schwarz?
Liebe Zugezogene aus anderen Ländern: Wohnt hier mal eine Weile, dann reden wir weiter.

Die Glosse ist zuerst am 02. Juli 2026
auf Radio München erschienen.

Autor

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ist studierte Romanistin und ausgebildete Radiojournalistin, arbeitet seit rund zwanzig Jahren für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, vorwiegend im Kulturbereich. Von 2013 bis 2020 war sie als Dozentin der DW Akademie für Journalismus in Bolivien, Guatemala, Brasilien, Libanon und Palästina unterwegs. Aufgrund der Bankrotterklärung des Journalismus berichtet sie seit 2020 über aktuelle Politik und Wissenschaft und kommentiert den Wandel der Gesellschaft.

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